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«Die regionale Energieberatungsstelle unterstützt uns unbürokratisch und kompetent»

Die Gemeinde Wohlen ist Trägerin des Energiestadtlabels Gold, der höchsten Auszeichnung für Gemeinden und Städte, die im Energiebereich besonders hohe Anforderungen erfüllen. Ein Gespräch mit Gemeindepräsident Bänz Müller zur kommunalen Energiepolitik und zur Zusammenarbeit mit der öffentlichen Energieberatungsstelle Bern-Mittelland.

Seit über 20 Jahren betreibt die Gemeinde Wohlen eine aktive Energiepolitik. Weshalb?
Das ist eigentlich ein politischer Zufall. Schon vor 25 Jahren setzte sich ein energieaffines Gemeinderatsmitglied erfolgreich dafür ein, dass Energiethemen in der Gemeindepolitik verankert wurden. 1998 wurde die Energiekommission – unser «Motor» für die kommunale Energiepolitik – ins Leben gerufen und 1999 wurde Wohlen als Energiestadt ausgezeichnet. Spätestens seit dann sind wir «Täter aus Überzeugung». Für mich persönlich sind Energiethemen seit jeher eine Herzensangelegenheit.

Wie sieht Ihr ganz persönlicher Energie- und CO2-Verbrauch aus?
Meinen ökologischen Fussabdruck habe ich noch nie exakt berechnet. Er ist vermutlich nicht besonders klein. Wir wohnen privat zwar in einem Reihenhaus mit Fotovoltaikanlage, Warmwasseraufbereitung und Erdsonde. Ich fahre seit 20 Jahren einen Elektro-Einplätzer und benutze wenn immer möglich den öffentlichen Verkehr. Daneben nutzen wir aber auch noch einen in die Jahre gekommenen Peugeot – und ich esse ab und zu gerne Fleisch …

Wohlen ist seit 2019 sogar Trägerin des Energiestadtlabels Gold. Spüren die Wohlenerinnen und Wohlener das in ihrem Alltag?
Das Thema Energie ist in unserer Gemeindekommunikation generell sehr präsent. Das beginnt schon bei der Ortstafel, welche uns als Energiestadt ausweist. Wir informieren die Bevölkerung mehrmals jährlich über laufende Energieprojekte in der Gemeinde. Energievorhaben kommen immer wieder auch vor die Gemeindeversammlung, wenn es darum geht, die Finanzierung zu beschliessen.

Wie sehen solche Energieprojekte in Ihrer Gemeinde aus?
Diese sind vielseitig. Aktuell sind wir etwa daran, eine neue Tagesschule im Minergie-Standard und mit einer Fotovoltaik-Anlage zu bauen. Wohlens Gemeindebauten werden mehrheitlich mit erneuerbarer Energie versorgt: Zum Einsatz kommen Fotovoltaik, Sonnenkollektoren, Holzschnitzel, Wärmepumpen. Zudem betreibt die ARA Wohlen mit dem Klärgas ein Blockheizkraftwerk und nutzt die erzeugte Energie. Weiteres Beispiel: Wir haben unsere Strassenbeleuchtung vollständig auf LED umgestellt. Zu nennen sind auch die realisierten Wärmeverbünde in Uettligen und Hinterkappelen oder das Solarkraftwerk (SOKW), das bereits seit 1992 auf Dächern von Schulhäusern Strom produziert. Das SOKW ist ein wichtiger Partner bei der Umsetzung der Energiestrategie.

Welches ist Ihr grösster Hebel als Gemeinde, um Energieziele zu erreichen?
Ein wichtiges Instrument ist der kommunale Energierichtplan, der sich derzeit in Arbeit befindet. Auch das Baureglement bietet gewisse Hebel, aus meiner Sicht sind diese aber im Moment eher klein. Dies, da das Baureglement der Gemeinde nicht weitergehen kann als das kantonale Gesetz. Aus meiner Sicht wäre ein grösserer Handlungsspielraum etwa für den Bau von Elektroladestationen zu begrüssen. Ein eigenes Förderprogramm im Energiebereich, wie es etwa Ittigen kennt, haben wir in Wohlen nicht. Ein wichtiger Treiber ist natürlich das Energiestadt-Label, das die kontinuierliche Umsetzung von Energiemassnahmen verlangt.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit der öffentlichen Energieberatung Bern-Mittelland aus? Nutzen Sie als Gemeinde die Dienstleistungen?
Mit der regionalen Energieberatungsstelle arbeiten wir eng und gut zusammen. Die Unterstützung ist unbürokratisch und kompetent. Beratung erhielten wir etwa beim Thema Wärmeverbünde. Die Energieberatungsstelle leistet zudem einen wichtigen Beitrag für den Erfahrungsaustausch unter den Gemeinden zu Energiethemen.

Profitieren auch Private von der Energieberatungsstelle?
Für unsere Bevölkerung ist die öffentlichen Energieberatung eine sehr wertvolle Anlaufstelle für konkrete Energiefragen, etwa bei der Gebäudesanierung, beim Heizungsersatz oder den Möglichkeiten, Fotovoltaik zu nutzen. Unsere gemeindeeigene Energiefachstelle kann interessierten Wohlenerinnen und Wohlenern diese unabhängige und kompetente Energieberatung regelmässig vermitteln. Ich schätze unsere Bevölkerung übrigens als relativ energieaffin ein. Zahlreiche private Bauten in Wohlen werden heute mit Solaranlagen, Holzheizungen oder Wärmepumpen beheizt. Zudem nutzt unsere Gemeindebevölkerung das Sharing-Angebot des Elektroautos «Sponti-Car» rege.

Welche Herausforderungen gibt es in Ihrer Gemeinde im Energiebereich? Und kann die öffentliche Energieberatungsstelle Bern-Mittelland dabei Unterstützung leisten?
Ein riesiges Thema ist die Elektromobilität. Öffentliche Ladestationen sind sehr gefragt; hier stellen sich ganz praktische Fragen. Wie organisiert man beispielsweise für einen dichten Ortsteil wie dem Kappelenring mit 3000 Einwohnerinnen und Einwohnern die Ladekapazitäten in den Tiefgaragen? Zur Elektromobilität plant unsere Gemeinde im Sommer 2021 einen Erfahrungsaustausch mit verschiedenen Akteuren, dazu gehört auch die regionale Energieberatungsstelle.

Welche weiteren Energiethemen beschäftigen Ihre Gemeinde?
Von grosser Bedeutung ist auch in Zukunft die Sonnenergie. Wir haben in der Gemeinde ein Potenzial zur Produktion von 60 Gigawattstunden Strom mit Fotovoltaik. Von diesem Potenzial werden aber erst rund 5 Prozent genutzt. Wohlen selber verbraucht jährlich rund 30 Gigawattstunden Strom. Wir könnten uns also mehr als selber versorgen. Schliesslich ist auch die Dekarbonisierung der Gemeinde eine Herausforderung, der wir uns stellen. Dazu gehört, dass wir kürzlich ein CO2-Monitoring eingeführt haben. Es bleibt gerade in diesem Bereich aber noch viel zu tun!


(Frühling 2021)

 

Bänz Müller, Gemeindepräsident von Wohlen b. Bern
Bänz Müller, Gemeindepräsident von Wohlen b. Bern
Regionale Energieberatungsstelle – kostenlose Erstberatung für Private, KMU und Gemeinden Die Energieberatung Bern-Mittelland ist die öffentliche Energie-Anlaufstelle der 76 Gemeinden der Regionalkonferenz Bern-Mittelland RKBM. Sie bietet Privaten, KMU und Gemeinden Unterstützung für unterschiedlichste Fragen zu Energiethemen. Wer zum Beispiel sein Wohnhaus oder ein anderes Gebäude sanieren, die Heizung ersetzen oder die Wärme respektive den Strom selber mit Fotovoltaik produzieren möchte, kann sich bei der regionalen Energieberatungsstelle für eine unabhängige Beratung melden. Die Erstberatung per Mail, Telefon oder Videoschaltung ist kostenlos. Für die Beratung vor Ort wird – abhängig von der Objektgrösse – ein Unkostenbeitrag erhoben; für ein Einfamilienhaus beträgt dieser z. B. CHF 100.–

Öffentliche Energieberatung Bern-Mittelland
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